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Februar 2004:
Es ist vollbracht! Nach dem Beitritt in den FLD-STACK e.V. habe ich mich nun für den ersten Wettkampf in Norddeich angemeldet. Es war für mich schon ein besonderes Gefühl die Anmeldung auszufüllen und
abzuschicken. Immerhin ist es noch gar nicht so lange her, dass ich im Oktober 2002 mit dem Drachenfliegen angefangen habe. Jetzt gibt es nur noch zwei Probleme. Erstens eine geeignete Unterkunft für mich und meine
Familie zu finden und zweitens meine Flugkünste zu verbessern! Die Familie wird mich daher in den nächsten Wochen wohl die eine oder andere Stunde weniger um sich wissen. Aber man muss ja Prioritäten
setzen ! ;-) Leider konnte ich keines meiner Kinder, geschweige denn meine Frau bisher an die Drachenleinen bringen – auch nicht ans untere Ende. Aber was nicht ist kann ja noch werden (NIX, sagt die Frau)
Die Unterkunftsfrage war schnell geklärt. Es waren nur noch 3
(bezahlbare) Ferienwohnungen für vier Personen für das Himmelfahrtwochenende frei. Die günstigste sollte es sein - es klappte.
März 2004
Die 6 Präzisionsfiguren für Norddeich habe ich mir jetzt auf einen kleinen Folder kopiert, den ich immer auf der Wiese mit dabei habe. In den letzten Wochen habe ich festgestellt, dass das Üben der Figuren sogar
Spaß machen kann, wenn man Fortschritte zu erkennen glaubt. Doch gerade hier liegt das Problem: Wenn das Geflogene aus Sicht des Piloten gut und sauber aussieht, muss es das aus Sicht eines Außenstehenden (also
z.B. einem Wertungsrichter) noch lange nicht so sein, da der Pilot sich bewegt, der Zuschauer i.d.R. aber nicht. Leider habe ich in meinem direkten Freundeskreis keinen anderen Drachenbegeisterten - zumindest
nicht in unmittelbarer, räumlicher Nähe. Also muss ich bei meiner Frau wohl doch noch Überzeugungsarbeit leisten (NIX, sagt die Frau) Eine riesen Hilfe ist für mich die „Celler Trainingsgruppe“.
Das Ballett sieht schon ganz gut aus (finde ich). Die Musik habe ich im
Winter ausgesucht und geschnitten. Die Choreographie steht auch soweit. Es ist schon erstaunlich, wie viel Zeit beim Bearbeiten der Musik draufgeht. Dabei wollte ich ja nur einige Sequenzen aus 3 Musikstücken
zusammenschneiden. Aber nach diversen langen Winternächten war auch dieses erledigt und ab dann hieß es, das ganze zu verinnerlichen und mehr oder weniger das selbe Programm mit allen Drachentypen (SUL bis Vented)
fliegen zu können. Dabei merkte ich schnell, dass es etwas ganz anderes ist, den Drachen nur so in den Fade zu legen oder das selbe zu einem von der Musik exakt vorgegebenen Zeitpunkt zu tun. Aber im Laufe der
nächsten Wochen klappte es immer besser.
So, jetzt will ich nicht soviel schreiben sondern lieber trainieren gehen....
April / Mai 2004 Die Wochen gehen dahin und der Termin rückt immer näher.
Da traf es sich gut, dass ich die Möglichkeit hatte Anfang Mai auf dem Drachenfest in Heiligenhafen mein Ballett vor Publikum fliegen zu können. Leider hatten wir an dem Wochenende immer sehr schwachen Wind zwischen
2 und 6 km/h. Ich war nur damit beschäftigt den Drachen in der Luft zu halten. An druckvolles Fliegen war nicht zu denken... Aber es war trotzdem ein sehr gutes Training! In den beiden Wochen vor Norddeich war
ich dann beruflich sehr eingespannt, sodass ich keine Minute auf der Wiese verbringen konnte.
20.-23. Mai 2004 Es ist soweit. Seit Mittwoch Nacht sind wir in
Norddeich. Der Wind weht heftig. Hoffentlich weht es morgen nicht zu stark, dass der Wettbewerb ausfallen muss. Die Wettervorhersage für die vier Tage des Drachenfests sieht ungefähr so aus: Wind zwischen 4bft
und 7bft bei vereinzelten Schauern. Na toll!
Um so überraschter bin ich, als ich am Donnerstag morgen aus dem Fenster
schaue. Strahlender Sonnenschein und ruhige Baumkronen.
Als ich auf der Wiese ankomme, herrschen dort zunächst perfekte
Bedingungen. Konstanter Wind um 12km/h und Sonne pur. Die folgende Stunde nutze ich um mich einzufliegen.
Gegen 11 Uhr haben wir dann unser Briefing, in dem letzte Hinweise über
den Ablauf gegeben, die 3 zu fliegenden Pflichtfiguren und die Startreihenfolge benannt werden. Ich bin als fünfter Starter eingetragen. Ab diesem Zeitpunkt bekomme ich eigentlich nicht mehr allzu viel vom Geschehen
um mich herum mit.
Es gibt ja sooo viel zu tun. Alle 8 Drachen aufbauen, durchchecken und
zum Wettkampffeld bringen. Ja, alle acht (SUL/UL/STD/VTD vom High Level und C21), denn es sind ja immerhin 4bft vorhergesagt und der Wind kann an der Küste in Nullkommanichts auffrischen. Also will ich auf alles
vorbereitet sein. Als Starthelfer hat sich freundlicher Weise Thomas Mehler zur Verfügung gestellt, da Michael und Bernhard als Shadow-Judges mit in der Jury sind. Während der Wartezeit auf meinen Einsatz gibt
Thomas mir noch den einen oder anderen Tipp mit auf den Weg. Ich habe bin froh noch etwas Fachsimplen zu können, so ist mein Kopf freier und ich habe eigentlich gar keine Gelegenheit nervös zu werden.
Dann bin ich an der Reihe, also rauf aufs Feld, den High Level-UL
hochgezogen und zunächst einmal den Wind und das Windfenster gecheckt. Dabei fliege dann gleich mal über die gelbe (hier war sie weiss) Linie, was dem Linienrichter erlaubt (endlich) einmal mit seiner Fahne wedeln
zu dürfen...
Die Präzisionsfiguren sind heute der Kreis, die Pyramide und die Axels.
Der Wind hat inzwischen noch etwas nachgelassen,
wegen der Axels fliege ich aber dennoch den UL. Mein SUL hat sehr wenig Schwungmasse und fliegt einen Axel meist nur zu 70%. Jedenfalls wenn er bei mir an den Leinen ist. Diese Vorsichtsmaßnahme "rächt" sich bei der Pyramide. In der Ecke rechts unten fehlt mir jeglicher Druck im Segel und der Drache wackelt kräftig nach. Mist! Die Axels fliege ich dann auch mit dem UL nicht sonderlich gut. Auch hier habe ich beim ersten Axel nur eine 75% Drehung hinbekommen. Das sollte sich später auch in der Wertung widerspiegeln. Aber egal, ich bin durch die Präzision ohne Ausfall durchgekommen und darf nun mein Ballett fliegen. Also schnell den Drachen gewechselt einige Bahnen geflogen, noch mal eine Cascade, einen Fade, den Backspinn, sowie eine Lazy geprobt, dann sind die 90 Sekunden auch schon um.
Der Wind pendelt immer noch zwischen 8 und 10 km/h und es kann los gehen
- Musik ab. In meinem Ballett habe ich im ersten Drittel zwei Fades, einen solo, einen mit abschließenden Backspin. Bei dem vorherrschenden Wind eigentlich eine bombensichere Sache, aber heute will der Drache
irgendwie nicht in den Fade (ich vermute mal der Fehler liegt wohl eher bei mir) und kippt mir jedes Mal sofort nach unten weg. MIST! Die erste Lazy misslingt ebenfalls. Ich lege den Drachen (in ca. 3m Höhe)
auf den Rücken und dann ist auf einmal jeglicher Leinenkontakt weg, also geht’s im Backflip wie im Fahrstuhl nach unten. Das passt aber glücklicher Weise recht gut zur Musik, sodass es gar nicht weiter auffällt.
Der Rest läuft aber recht gut. Ich bin (fast) das geflogen was ich
eigentlich fliegen wollte. Dabei bin ich aber kein Risiko mehr eingegangen und nur noch das geflogen, was bei mir wirklich 100% funktioniert. Irgendwie bin ich hinterher erst einmal sauer auf mich. Aber als ich zum
Drachen komme, wartete dort Thomas auf mich und gratulierte mir zur gezeigten Leistung. Die Cascade, die Flick-Flacks und der Mutex zum Schluss seien schön im Takt gewesen. Er prophezeit mir, dass ich mit dem
Gezeigten gut dabei wäre.
Tja und dann beginnt das Warten. Der Wind schläft nämlich gänzlich ein.
Der Letzte Starter (Tim Caspers) hat das Pech, dass nach seinen Pflichtfiguren der Wind auf 2-3 km/h abflaute. Alle Einleiner purzeln vom Himmel. Der Wettkampf wird unterbrochen und ca. eine halbe Stunde später bei
immer noch mehr schlechtem als rechtem Wind zu Ende gebracht. Schon jetzt steht für mich fest, dass meine Entscheidung an der KCT teil zu nehmen goldrichtig war. Egal wie es jetzt ausgehen sollte, es macht einfach
wahnsinnig viel Spaß!!!
Schließlich kommt der Moment der Wahrheit. Von hinten angefangen werden
die Platzierungen bekannt gegeben. Ich muss lange auf meinen Namen warten, da er erst als vorletztes genannt wird. IRRE, ich bin Zweiter!
Vor lauter Glück habe ich das De-Briefing irgendwie verpasst. Was sich
fast gerächt hätte, denn dort wurde wohl bekannt gegeben, dass schon am nächsten Tag ein zweiter Wettkampf für die Intermediates angesetzt werden sollte...
Am Freitag komme ich dann Vormittags, während die Experienced-Piloten mitten im Wettkampf sind, aufs Drachenfest.
Der Wind ist heute anders als gestern, er bläst mit gut 30km/h in
Bodennähe, wobei die Zelte und Wohnmobile noch Windschatten bieten. In 20m Höhe sind es bestimmt 40 – 50 km/h. Alle haben sehr mit den Bedingungen zu kämpfen. Nebenbei erfahre ich per Durchsage, dass direkt im
Anschluss die Intermediates ihren zweiten Wettkampf fliegen sollten. Sofern der Wind im Rahmen bleibe.
Uff, meinen C21 Vented habe ich nach dem letzten Umbau noch nicht wieder
fliegen können. Also muss ich schnell den Drachen aufbauen und mit kurzen Leinen, einer Rolle Klebeband und ein par Gewichten auf eine kleine Wiese gehen um ihn auf diesen Wind einzustellen.
Das ist zum Glück in 30 Minuten getan. Wegen des anhaltend starken
Windes wird dann doch erst die Endrunde des Freestyle-Cup vorgezogen. Dort darf ich den Kachel-Wind noch bis zum Halbfinale selbst erleben. Meine Waage ist aber doch noch nicht so gut eingestellt. Beim Reinziehen in
die Lazy wickle ich mir zwei mal die Leinen um die Flügelspitze. Damit habe ich keine Chance ins Finale einzuziehen also ist das Halbfinale die Endstation für mich. Es war aber eine Mordsgaudi und gleichzeitig auch
ein guter Drachentest für den folgenden Wettkampf. Nach einer weiteren Waagekorrektur hat das Leinenhaken dann endlich ein Ende...
Die Vorbereitungen auf den Wettbewerb sind nicht mehr so umfangreich wie am Vortag. Zwei Vented-Drachen (mit Vorsegel) reichen!
Der Wind beruhigte sich dann wirklich etwas und sank unter 30km/h. Der Startschuss fällt. Ich bin diesmal als drittletzter an der Reihe. Wieder bekomme ich von den anderen Teilnehmern fast nichts mit und
unterhalte mich die ganze Wartezeit mit verschiedenen Leuten.
In der Präzision müssen wir (wieder) die Pyramide, dann das Octagon und -ganz toll bei diesem Wind! - die Stopps fliegen.
Meine Pyramide ist wesentlich besser als am Vortag, dafür “versiebe” ich
das Octagon. Die erste Ecke findet fast nicht statt und die obere Gerade fliege ich schief nach links unten. Dadurch stimmen die übrigen Winkel und Längen nicht mehr so ganz. Das Octagon beim Einfliegen (20 Sekunden
vorher) war mindestens eine Klasse besser. Der Hammer sind aber die Stopps. Der erste Stopp in ca. 4m Höhe ist ganz o.k. aber dann kommt der Drache richtig in den Wind und zieht wie ein Ochse. Beim zweiten Stopp auf
40% werfe ich alles nach vorn was ich habe. Das ist aber etwas zuviel. Ich rutsche auf dem Rasen weg und finde mich auf dem Rücken liegend wieder. Nachdem ich den Drachen wieder im Blickfeld habe, fliege ich die
Ecke nach rechts - immer noch auf dem Boden sitzend. Irgendwie komme ich vor den abschließenden beiden Stopps wieder auf die Beine. Das darf einfach nicht wahr sein! denke ich und schreibe die Figur als Null-Nummer
ab.
Das anschließende Ballett hat dann auch noch eine Überraschung für mich
parat. Nach der ersten Minute habe ich eine Zweipunktlandung, ziemlich in der Windfenstermitte, im Programm. Die gerät etwas hart auf einer Leitkante. Aber der Drache steht. Ich möchte aber nicht glauben müssen was
ich sehe: Die obere Spreize hängt nur noch im rechten Verbinder und das Bremssegel ist schon fast gänzlich von ihr abgerutscht. Na gut: „Wer die Stopps im sitzen fliegt, der kann auch mit einem ‘kaputten’ Drachen
ein Ballett fliegen“. Beim Start rutscht das Bremssegel ganz ab und flattert wie eine Fahne von der unteren Spreize herab. An Tricks ist nicht eigentlich nicht mehr denken, da die abstehende (und somit quasi
fehlende) obere Spreize erstens das Flugverhalten des Drachen stark verändert, und mir zweitens das Risiko, das sich die Leinen in der Spreize verhaken einfach zu groß ist. Axel, Cascaden sowie der Slide sind aber
noch möglich. Ansonsten fliege ich hauptsächlich "schön" und versuche die Musik in Linien und Formen umzusetzen. Mit einer sanften Zweipunktlandung kann ich ich das Ballet ohne weitere Schäden oder
Vorkommnisse beenden. Toll, denke ich, das war’s dann wohl! Mit viel Glück hoffe ich noch auf Platz 6. Meine (unfreiwillige) Vorstellung bringt mir aber einige "Komplimente" ein. Was ich in den letzen 10
Minuten erlebt hatte, erleben die meisten Piloten wohl in mehreren Wettkämpfen nicht!
Die anschließende Auswertung zieht sich lange hin. Es dauert fast eine
Stunde bis die Endergebnisse vorliegen. Auch diesmal werden die Platzierungen von hinten nach vorn bekannt gegeben. Ich kann es nicht fassen, ich bin tatsächlich auf dem dritten Platz gelandet. Der Sieg geht an
einen Gast-Piloten aus Holland. Somit habe ich auch an diesem Tag 8 Punkte für die nationale Rangliste einfahren können. Ich glaub, ich bin der glücklichste Mensch in Norddeich.
Tags darauf erzählt mir ein Jurymitglied (Ilona), dass der zweite Stopp
(also der mit meinem freien Fall) sehr gut gewesen sei. Nur im Anschluss an die Ecke hätte ich einen heftigen Wackler im Bogen gehabt. Das ruckfreie Hinsetzen und Aufstehen während des Fluges muss ich halt
noch ein wenig üben ...
Die letzten beiden Tage des Drachenfestes werden leider wegen Sturmes
abgesagt. Schon am Samstag Vormittag werden Böen bis 60km/h gemessen und am späten Nachmittag ist die durchschnittliche Windgeschwindigkeit (lt. Wetter.com) bei 17-19 m/s angelangt. Ich muss zugeben, dass ich
schon gerne gesehen hätte, wie die Masters die Stopps und Axels bei diesem Wind geflogen wären...
Zeit für ein Fazit: Mein erstes Wettkampfwochenende war für mich ein
unvergessliches Erlebnis. Ich freue mich auf alle folgenden Wettkämpfe und kann nur jedem dazu raten es einfach mal zu versuchen. Es lohnt sich wirklich!
Es war toll zu erleben wie freundlich und offen die "alten Hasen" mich in ihren Kreis aufgenommen haben.
Danke, Ihr seid echt klasse drauf!
Ganz besonders möchte ich mich bei Michael und Bernhard und dem Rest der
Celler-Trainingsgemeinschaft bedanken. Ihr habt mich bei meinen Wettkampf-Vorbereitungen unglaublich unterstützt, mir viele wertvolle Tipps gegeben (Drachen- und flugtechnischer Art) und mich an Eurem umfangreichen
Erfahrungen teilhaben lassen. Ohne Euch wäre ich heute noch längst nicht soweit!
Ich freue mich schon riesig auf den August, denn dann finden die
Veranstaltungen in Cuxhaven und Melle statt. Wer weiß, wenn da noch ein paar Pünktchen dazu kommen sollten, darf ich vielleicht sogar mit dem Aufstieg in die Experienced-Klasse liebäugeln (NA DENN, sagt die Frau).
Fortsetzung folgt...
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